achter mai 2009, morgen gehts los
Mein Koffer ist gepackt, die Fototasche ist eingeräumt. Meine lieben Nachbarinnen Isa und Tamara werden in den nächsten 2 Wochen den Kater füttern und die Pflanzen versorgen, vielen Dank dafür!
Morgen Nachmittag um 14:40 Uhr geht es ab Frankfurt mit einem Airbus der China Eastern Airlines nonstop nach Shanghai, Landung auf dem Airport Pudong am Sonntagmorgen um 7:00 Uhr Ortszeit.
Dies soll also ein hoffentlich unterhaltsames Reisetagebuch werden. Sollte alles so funktionieren, wie ich mir’s wünsche, werde ich hier allabendlich meine Reiseerlebnisse schildern.
Bis bald!
flug, ankunft, erste eindrücke
Gestern Morgen um 5 war an Schlaf nicht mehr zu denken. Zuviele Gedanken an die bevorstehende Reise im Kopf…..
Um 8 bin ich dann aufgebrochen zum Flughafen Frankfurt, das Auto habe ich in Griesheim auf einem Airparks-Parkplatz abgestellt, das kostet passable 66 Euro für 15 Tage, incl. kostenlosem Bustransfer zum Terminal und zurück. Das Einchecken mit E-Ticket am China-Eastern-Airlines-Schalter hat wunderbar geklappt. Der Airbus ist nur zur Hälfte besetzt, ich hab zwei Sitze am Fenster für mich alleine, sehr praktisch. Das Personal an Bord ist genauso freundlich wie hübsch anzusehen, Essen und Getränke gibt es reichhaltig und in guter Qualität. Diese Airline kann ich auf jeden Fall weiter empfehlen.
Der Flug an sich verlief wunderbar, ich kann mich nicht erinnern, jemals während eines Fluges innerhalb weniger Stunden sowohl einen Sonnenunter- wie auch einen Sonnenaufgang erlebt zu
haben.
Kurios wurde es, als nach der pünktlichen Landung sechs total vermummte Gestalten auftauchten, um jedem einzelnen der Passagiere die Körpertemperatur zu messen und in ein vorher auszufüllendes Formular einzutragen. Plötzlich kam ich mir vor wie mitten in einem Science-fiction-movie….
Was wohl geschehen wäre, hätte einer der Fluggäste erhöhte Temperatur gehabt? Hätte man dann das ganze Flugzeug in einen Quarantäne-Hangar geschleppt und erst nach ein paar Tagen wieder rausgelassen?
Die Zollformalitäten sind zügig erledigt, ein Geldautomat und ein Taxi lassen sich problemlos finden. Die Taxifahrt zum Hengsheng Peninsula Hotel in der Wusong Lu dauert eine Stunde. So gut wie alle Taxis stammen von der Marke VW, Modell Santana, ich kann nur ganz vereinzelt mal eine andere Marke ausmachen.
Der Taxifahrer hat seine Familie dabei, Frau und kleine Tochter sitzen vorn auf dem Beifahrersitz. Es gibt keinen Kindersitz, niemand ist angeschnallt. Es lebe die Freiheit.
Im Peninsula bezog ich ein Zimmer in der 12. Etage, sogar mit Blick auf den Huangpu-Fluss. Echt schön. Ich mache eine erste Sightseeing-Tour die Wusong Lu hinunter zum Bund,
wo ich feststellen muss, dass die Uferpromenade am Huangpu-Fluss, wie ich meine, eine der schönsten der welt, zur Hälfte wegen Umbaus gesperrt ist. Sie soll wohl zur Expo 2010 in Shanghai noch schöner werden.
Die verbliebene intakte Hälfte ist nichtsdestotrotz beeindruckend.
Es ist warm, um die 30 Grad Celsius, die Anstrengung der langen Reise macht sich bemerkbar. ich schlendere noch ein Stück die Nanjing Donglu hinunter kaufe mir ein paar Flaschen Mineralwasser und laufe zum Hotel zurück, um mich auszuruhen. Die Chinesen wirken sympathisch auf mich, sie strahlen eine unbändige Lebenslust und Geschäftigkeit aus.
Nach einem erholsamen Mittagsschläfchen schlendere ich nochmals hinunter zur Uferpromenade, es dämmert bereits. Die Dämmerung setzt kurz nach 18 Uhr ein, um 19 Uhr ist es dunkel. Diesmal habe ich meine Nikon dabei und mache ein paar Fotos von der Pudong-Skyline auf der anderen Seite des Flusses.
Als die Dunkelheit einsetzt und die Lichter angehn, fühle ich mich zum zweitenmal an diesem Tag wie in einer Welt in der Zukunft. Ich bin schlichtweg überwältigt. So etwas spacig schönes hab ich noch nie gesehen…. einfach toll.
Werde morgen mein Stativ mitnehmen.
Jetlag, big city, a lot of input
Als mich heute Morgen um 8 mein Handy aus dem Schlaf riss, fehlte mir erstmal jeder Bezug. Blick zum Fenster, Farben, Straßenlärm…. der Jetlag macht sich bemerkbar…. normalerweise der Frühaufsteher schlechthin, macht mir die Zeitverschiebung doch zu schaffen. Das gibt sich aber schnell, ich bin gespannt auf mein erstes Frühstück in China.
Außerdem stelle ich fest, dass ich in diesem Hotelzimmer schon heimisch geworden bin, ich fühle mich wohl hier, ein gutes Zeichen. Das Frühstück im 2nd floor Restaurant ist eine echte Überraschung, es ist alles da, was sich ein Frühstück-Fanatiker, wie ich es einer bin, nur wünscht: ein netter Koch, der live ein Omelett mit Zutaten nach Wunsch zubereitet, alle möglichen chinesischen Gemüse und MixedPickles, Nudeln, Eier in Soja, Tofu, mehrere Sorten Brot, Süßkartoffeln, Bacon, 2 verschiedene Suppen, Butter, Marmelade, Kuchen, frisches Obst, Joghurt… einfach wunderbar!
Solchermaßen gestärkt begebe ich mich auf Stadtendeckungstour,
laufe zum Bund hinunter und biege rechts in die Nanjing Donglu ein, die Haupteinkaufstraße Shanghais. Der Verkehr ist mörderisch, man muss als Fußgänger tierisch aufpassen, wenn man die Straße überquert. Hat man erst kapiert, dass eine grüne Fußgängerampel noch lange nicht heißt, dass man gefahrlos draufloslaufen kann, werden die Schrecksekunden schließlich seltener, man passt halt auf…. besonders die motorisierten Zweiradfahrer kümmern sich wenig um rote Ampeln, sie fahren einfach weiter und benutzen auch schon mal den Gehweg als Fahrbahn, nicht ohne grellend zu hupen. Niemand trägt einen Helm… Es lebe die Freiheit.
An vielen Kreuzungen stehen traffic-assistance-Beamte, bewaffnet mit Trillerpfeifen, unter Sonnenschirmen und versuchen Ordnung in das Chaos zu bringen. Meinen Respekt für diese Leute.
Die Nanjing Lu zeigt sich als Einkaufsparadies, eine Mall reiht sich an die andere, es gibt einfach alles. Ich betrete einen Food market. Das Warenangebot ist überwältigend. Da kann man als Deutscher locker Minderwertigkeitskomplexe bekommen.
Weicht man von der Fußgängerzone nach rechts oder links in eine der schmalen Seitenstraßen ab, ist das, als betrete man eine andere Welt. Die Menschen leben vor ihren kleinen Häuschen, kochen, essen und arbeiten auf der Straße, die engen Gassen sind zugestellt mit Fahrrädern, überall liegen Werkzeuge und alle möglichen Utensilien herum. Das ursprüngliche Stadtbild, denke ich mir, das wohl bald verschwunden sein wird. Die Menschen, denen man begegnet, haben immer ein freundliches Lächeln übrig. 
Am Ende der Nanjing Donglu stößt man auf den People’s Square, eine grüne Oase der Ruhe, umrahmt von Wolkenkratzern. Der Park ist fast menschenleer, ich treffe 3 junge Chinesen, die mich bitten, mit ihrer Kamera ein Foto von ihnen aufzunehmen. Das Mädel macht als Gegenleistung ein Bild von mir mit meiner Kamera. Wir kommen ins Plaudern, und die drei erzählen mir, was für eine großartige Stadt Shanghai doch sei, die schönste Stadt Chinas, kein Vergleich mit Peking und so weiter…. sie finden es überaus cool, dass ich ganze 2 Wochen in der Stadt verbringen werde.
Im Park befindet sich das Museum of Modern Art von Shanghai, daran kann ich nicht einfach vorbei, der Eintritt kostet lediglich 20 Yuan. Die Austellung macht Freude, und man darf sogar fotografieren.
Wieder zurück im Park, finde ich auch die Barbarossa Bar,
die mir die Cathrin als coole Cocktailbar ans Herz gelegt hat. Die Bar ist wirklich wunderbar an einem Teich gelegen, ich beschließe, zu einem Abendessen wieder herzukommen.
Beim Verlassen des Parks stoße ich auf die Xizang Donglu, überquere mittels Fußgängerbrücke (was für ein Bauwerk!) die Yan’ an Donglu und biege dann nach links ab in die Jinling Donglu.
Hier reiht sich ein kleines Geschäft an das andere, es gibt unheimlich viele Läden für Schneiderbedarf, Tücher, Garn, alles mögliche, und noch mehr Läden, die Musikinstrumente aller Art feilbieten. In einem dieser Läden wird gerade live Rockmusik gespielt.
Am Ende der Jinljing Donglu liegt mein eigentliches Ziel, der Fuxing-Park.
Nicht so groß wie der People’s Park, aber wunderschön angelegt mit seinen Bambus-Wäldern. Mittlerweile ist der Nachmittag fortgeschritten, ich habe mehr visuell erlebt, als ich verarbeiten kann. Ich fange an, die Stadt ins Herz zu schließen, mitsamt ihrer Bewohner, die sich herzlich und lustig geben.
Vielleicht lässt sich’s ja leichter leben ohne diesen ganzen Zivilisationsüberhang an Vorschriften und Besimmungen, den man in Europa so gewissenhaft pflegt.
Rauchverbot, Dosenpfand, Anschnallpflicht, Helmpflicht, Renten- und Krankenversicherungspflicht, Cocktails erst ab 18 - alles Dinge, die wir unbedingt zu brauchen glauben - die uns aber immer weniger Selbstbestimmung lassen, immer mehr Zeit rauben und uns den von Orwell in 1984 beschriebenen Zuständen mit Riesenschritten näher bringen.
Zurück zum Hotel habe ich ein schönes Stück am Fluss vorbei zu laufen, ich verweile noch ein wenig am Bund, das muss einfach sein, und mache ein paar Aufnahmen von der wundervollen Skyline Pudongs am gegenüberliegnden Flussufer.
Sehr glücklich darüber, hier sein zu dürfen.
einkaufen, ein chinesischer soldat, armut
Es soll ja Menschen geben, die es spannend oder erholsam finden, mit ihrem Au
tomobil zu speziell dafür eingerichteten Parkplätzen im Wald zu fahren, um dann zwischen ganz vielen Bäumen, die sich alle gleichen, spazierenzugehen.
Um wieviel spannender, lebendiger, erholsamer, ereignisreicher es doch ist, die Straßen einer großen Stadt zu durchwandern!
Hinter jeder Biegung, jenseits einer jeden Brücke, in jedem anderen Viertel warten neue, bislang unbekannte Farben, Gerüche, Geräusche, Gebäude, Menschen, Straßen, Läden, Kunstwerke, Parks, Plätze darauf, gesehen, genossen, im Gedächnis, in der Erinnerung abgespeichert zu werden.
Die Straßen, Gassen und Parks Shanghais wandernd zu erleben, das ist wie gut gemachtes Kino, mit immer wechselnden Bildern, Darstellern, immer neuen packenden Actionscenes, so spannend, das man die Zeit vergisst, das ist Tarantino hoch drei. Einfach großartig.
Der Himmel ist verhangen heute, die obere Kugel des Oriental Pearl Tower, den ich von meinem Hotelzimmerfenster aus sehen kann, liegt im Nebel der Wolken.
Es liegt also nahe, den Tag mit shopping zu verbringen. Meine Nikon und den Computer sperre ich in den Safe und nehme nur die kleine Kodak-Camera mit. Die Cathrin hat mir eine Visitenkarte gegeben, auf der in chinesischen Schriftzeichen die Anschrift eines ShoppingCenters in der West Nanjing angegeben ist. Vor dem Hotel schnappe ich mir ein Taxi und zeige dem Taxifahrer die Adresse auf der Karte. Es ist relativ weit, ich sitze eine halbe Stunde im Wagen, bis das Ziel erreicht ist. Der Fahrpreis entspricht exakt dem Preis für eine Kurzstreckenfahrkarte mit der S-Bahn meiner Heimatstadt Saarbrücken.
Das Kaufhaus sieht von außen sehr heruntergekommen aus,
was mich aber nicht weiter stört. Drinnen entpuppt es sich als wahres Paradies, sowohl was das Warenangebot als auch, was die Preisgestaltung für die angebotenen Waren entspricht. 1000 Yuan habe ich einstecken, allerdings auf verschiedene Hosentaschen und den Geldeutel verteilt….
Ich möchte eine schöne Umhängetasche erstehen, und werde in der 2. Etage fündig. Eine superschöne lederne SwissAir-Tasche, braun, mit weiß abgesetzten Ziernähten fällt mir ins Auge. Die junge Verkäuferin preist sofort die Vorzüge der Tasche und lobt mich lautstark für meinen guten Geschmack…. als Preis tippt sie 1200 Yuan in einen Rechner ein, ändert die Zahl aber sofort wieder ab in 900 Yuan, hinter vorgehaltener Hand, nur für mich, ein Extrapreis, weil ich so einen guten Geschmack hätte… Ich wende mich zum Gehen, sage bye bye, I’ll come back again later…. sie hält mich am Arm fest.. so eine schöne Tasche fände ich nie mehr …. ich soll
doch meinen Preis nennen! Ich sage, ich hätte wohl nicht soviel Geld mit, nehme meine Geldbörse aus der Hosentasche und zeige ihr, dass ich nur zwei 100-Yuan-Scheine dabei hab. Sie lacht und glaubt mir nicht und nennt mich einen Gauner, ich sage okay und wende mich wieder zum Gehen - sie zerrt mich wieder am Arm zurück - give me the bills, give me the bills! - und gibt mir die Tasche, nicht ohne mir so lautstark, dass die umstehenden Leute allesamt zu lachen beginnen, zu bescheinigen, was ich doch für ein Verbrecher sei, und wo ich wohl herkäme, bei Menschen aus meinem Land würde sie in Zukunft besser aufpassen….. anschließend zerrt sich mich noch in einen Nebenraum, und zeigt mir Taschen aller bekannten
Star-Designer, for your wife or your girlfriend…you’ve got a wife? you’ve got a girlfriend? ich sage, I have to ask my wife first, und muss ihr versprechen, wieder zu kommen, erst dann lässt sie meinen Arm los. Ich bin sicher, dass sie trotz meiner Feilscherei noch ein gutes Geschäft gemacht hat.
Eintausend Yuan sind schnell ausgegeben in solch einem Einkaufsparadies, ich erstehe noch eine schöne Oakley-Brille und einen Adidasanzug in einem schwarz-goldfarbenden Design, der mir wie angegossen passt und den ich für mein Training zu Hause gut gebrauchen kann.
Die Luft ist angenehm draußen, ich laufe zu Fuß Richtung Hotel, die Nanjing West hinunter, bis ich wieder auf den People’s Square treffe, wo die Nanjing East Road als Fußgängerzone weiterführt. Unmittelbar vor dem Eingang zur Metro steht ein junger Mann in einer Soldatenuniform, ich nehme an, dass es eine historische Uniform ist, denn innerhalb kürzester Zeit versammelt sich eine riesige Menschenmenge um den Mann herum, der einfach nur da steht und salutiert. Der Eingang zur Metro ist so gut wie blockiert, alle zücken ihr Mobilephone und fotografieren den Mann, der einfach nur dasteht und keine Miene verzieht.
Für mich ein faszinerendes Schauspiel. Ich beobachte zwei alte Männer, die mit offenem Mund den “Soldaten” anstarren und den Blick nicht von ihm wenden können…. das geht so 20 Minuten lang, und ganz plötzlich, ganz plötzlich fängt der junge Mann in der Uniform an zu reden. Er redet lange, fast schon hält er einen Vortrag, die Menschenmenge ist mucksmäuschenstill, denn er spricht leise, verzieht immer noch kaum eine Miene, und plötzlich ist er wieder still. Die nagelneue Stille hält sich noch ungefähr eine halbe Minute, bis einer der alten Männer anfängt, mit hoch erhobenen Händen Beifall zu klatschen, und alle anderen es ihm nachtun.
Ein fesselndes Erlebnis für mich, obwohl ich mir nicht den geringsten Reim darauf machen kann, um was es hier wohl ging….
Ich laufe nicht über die Nanjing Donglu, die ich ja schon kenne, zurück, sondern nehme die Xizang Zhonglu nach Norden, die mich auf die andere Seite des Wusong-Flusses bringt, wo sich in der Wusong Lu ja auch mein Hotel befindet. An einer größeren Kreuzung finde ich eine riesige Anzeigetafel, die die aktuelle Lautstärke des Verkehrslärms in db(A) angibt, eine nette Erfindung. Jenseits der Brücke über den Fluss biege ich nach rechts ab, um am Flussufer vorbei zum Hotel zu finden. Der Weg führt zum Teil durch enge Gässchen mit armseligen Hütten, deren Bewohner auf der Straße ihr Essen zubereiten und zu sich nehmen, in ihren Behausungen ist kaum Platz für ein bisschen Hab und Gut. Wie schlimm ist das denn, kaum 100 Meter Luftlinie weiter ragen silbrigglänzende Fassaden 500 Meter hoch in den Himmel…
die stadt aus der Zukunft, ein chinesisches mädchen, paulaner biergarten
Nach der müden Vorstellung von vorgestern gab sich der Himmel gestern Morgen wieder besser gelaunt. Ein paar schäfchenförmige Wölkchen, dazwischen die Sonne.
Ich marschiere mit meinem Fotografierkram aus dem Hotel auf die Straße, um mir ein Taxi nach Pudong, jenseits des Huangpu-Flusses, zu leisten. Da steht tatsächlich ein Taxi vor dem Hotel, der Fahrer lehnt es allerdings ab, mich nach Pudong zu fahren, seine Begründung kann ich natürlich sprachlich nicht verstehen… ich winke einem anderen Wagen, doch auch dieser fährt mich nicht auf die andere Seite des Flusses. Wahrscheinlich ist da einfach zu viel Stau in dem Tunnel morgens um diese Uhrzeit, denke ich mir, und gebe die Suche auf. Keine genaue Ahnung, wie ich jetzt den Fluss überqueren soll, da der Sightseeing-Tunnel ja wegen Bauarbeiten gesperrt ist.
Ich laufe einfach mal den Bund entlang nach
Süden, dahin, wo diese ganzen Ausflugsschiffe liegen, die abends immer so schön neonerleuchtet den Huanpu auf und ab schippern. Mich durchfragend, finde ich recht schnell den Ticketschalter für das Fährboot über den Fluss, kaufe einen Jeton für 2 Yuan und 5 Minuten später sitze ich schon im dem Boot nach Pudong. Pudong gilt als der neue Wirtschafts- und High-Tech-Bezirk Shanghais, das Wirtschaftswachstum ist atemberaubend und lag im Durchschnitt seit 1990 über 20 Prozent. Bisher wurden über 40 Milliarden Dollar von Unternehmen außerhalb Chinas in Pudong investiert. Mein erstes Ziel ist kaum zu verfehlen, es sind die beiden nebeneinander stehenden Türme Jin Mao Tower, 421 m hoch, und das Shanghai World Financial Center, sagenhafte 492 m hoch und damit das zweithöchste Gebäude der Welt. An die 700 Wolkenkratzer zählt Shanghai, doch es sind so viele im Bau, dass die Stadt bald über tausend Wolkenkratzer hinauswächst.
Pudong gilt neben Manhattan, Central (Hongkong) und einigen Bezirken von Dubai und Tokio als Ort mit den meisten Wolkenkratzern pro m².
Als ich fertig bin mit Staunen, baue ich mein Stativ vor dem Jin Mao Tower auf, um ein paar Fotoaufnahmen zu machen. Es dauert nicht lange, bis mich ein Mann in schwarzer Uniform freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksem macht, dass die Benutzung eines Stativs hier nicht erlaubt ist. Okay, sage ich und baue meine Einstellung in 2 Metern Entfernung, auf dem öffentlichen
Gehweg, erneut auf, wo das Jin-Mao-Hausrecht keine Wirkung mehr hat. Der Mann in Uniform kuckt mir dabei zu, lacht schelmisch und zieht von dannen.
Trotzdem macht mir das Fotografieren nicht so recht Freude, das Licht ist ungünstig, die Sonne steht zu steil am Himmel.
Will man gute Bilder von einem fremden Ort machen, und das ist meine ganz persönliche Erfahrung, muss man ihn immer mehrmals aufsuchen. Man muss den Ort, den Platz, das Gebäude erst kennenlernen, von allen Seiten betrachten, um die beste Perspektive zu finden, zu allen Tageszeiten, um heraus zu finden, zu welcher das Licht vorteilhaft ist. Je beeindruckender ein Ort für mich ist, um so länger brauche ich meistens, eine richtig gute Einstellung, eine Perspektive zu finden, die dem Ort, dem Building, der Skyline, die ich aufnehmen will, auch wirklich gerecht wird, was ich sehr wichtig finde.
Shanghai ist für den Fotografen in mir an diesem vierten Tag, den ich jetzt
hier bin, noch immer ein schwieriges Wesen, ganz im Gegensatz zu dem Touristen in mir, der Shanghai und seine Bewohner schon so innig liebgewonnen hat wie selten eine Stadt in dieser kurzen Zeit.
Ich breche meine Aufnahmen ab, sehe mich ein wenig um in diesem supermodernen Pudong. Die Straßen sind so breit, dass noch mehr Mühe kostet, sie zu überqueren, ein Wolkenkratzer überbietet den anderen an Glanz. Ich entdecke den Oriental Pearl Tower, dessen spaciges Design mir am allermeisten imponiert, und mache mich auf den Weg dorthin. Der Fernsehturm ist eine Wahnsinns-Attraktion, zu Recht, und von Massen von Touristen umlagert.
Ein junges Pärchen spricht mich an, genauer gesagt, das junge Mädchen, sie spricht ein gut verständliches Englisch, sie möchte unbedingt ein Foto haben, das sie mit mir zusammen zeigt. Ich nehme sie in den Arm, und ihr Freund schießt unzählige
Fotos von uns beiden…. am Ende dann auch noch eins mit meiner Kamera. Die beiden sind sehr lustig, das Mädchen fragt mich, was ich hier mache (eine Frage, die mir in Shanghai schon öfter genauso unverblümt gestellt wurde!), ich sage, I’m a photographer, I’m from Germany….
Sie kann mit dem Begriff “Germany” sichtlich nichts anfangen, also sage ich that’s a state in Europe, do you know Europe?, aber auch den Begriff kennt sie nicht - warum auch? China ist so groß, und das alte Europa komm selbst mir als einem Europäer klein und unbedeutend vor, wenn ich durch Pudong wandere…….
Ich bleibe bis abends in dieser Stadt aus der Zukunft, mache noch ein paar Aufnahmen von der Uferpromenade aus in Richtung Bund. Direkt an der Promenade gibt es einen Paulaner Biergarten mit herrlichem Blick über den Fluss. Ich mag bayrisches Bier und lasse mich an einem Tisch auf der Terrasse nieder. Ein halber Liter Bier kostet 68 Yuan, also ca. 7
Euro, dass ist mehr, als ich bis jetzt allabendlich für mein Abendessen incl. chinesischem Bier auf der anderen Seite des Flusses ausgegeben hab…. Ich genieße mein Bier und den Blick auf die Szenerie an dem breiten Fluss. Diesmal finde ich auch ein Taxi, das mich zurück auf die andere Seite bringt.
Die Fahrt kostet 21 Yuan, ich habe nur zwei Zwanziger und reiche sie dem Fahrer. Er gibt mir einen der Scheine wieder zurück, und bedeutet mir, das wäre in Ordnung so und lacht …. Was für eine Stadt, was für Menschen. Ich mag sie.
Wirklich.
jetlag (immer noch), mccafé, chinesisches einkaufen
Wer noch nie in Vereinigten Staaten von America war, kann nicht wissen, wie ein gutes Muffin schmeckt, wie ein gutes Muffin sich anfühlt. Was man
in Deutschland unter dem Namen “Muffin” angedreht bekommt, ist schlicht und einfach ein Witz, eine Unverschämtheit, ein trockenes Etwas, nur halb so groß, dafür aber doppelt so teuer wie in den USA.
Allen voran die amerikanische Starbucks-Kette, die es doch eigentlich besser wissen müsste? Hier bekommt man die allerschlechtesten Muffins - zu Höchstpreisen. Wenn ihr mich fragt, ich mag Starbucks nicht, weil teuer und schlecht, den Hype, der um diesen Laden gemacht wird, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Warum erzähle ich euch das - nun, in Offenbach am Main kenne ich ein McCafé, das gibt es Muffins, die fühlen sich so an, die sind fast so groß und die schmecken annähernd so gut wie in den USA, fast möchte man glauben, die werden jeden Morgen frisch eingeflogen….. sogar Banana-Nut, meine Lieblingssorte, die es sonst nirgends gibt in der deutschen Muffinwüste, kann man hier kaufen.
Mein Taxifahrer
hat mich gestern Nachmittag in der Fangbang Zhonglu genau vor dem Eingang eines McDonalds mit einem angegliederten McCafé abgesetzt, was ich als glücklichen Zufall nehme, denn das aus-demBett-kommen um 8 Uhr morgens ist mir nicht leicht gefallen, was wohl am immer noch nicht überwundenen Jetlag liegen mag, einen schwarzen amerikanischen Kaffee könnt ich jetzt brauchen, vielleicht krieg ich ja sogar ein Banana-Nut Muffin!?
Amerika ist weit weg, Muffins gibt es keine, aber wohlschmeckenden Banana-Nut-Kuchen. Das einzige, was der Café Americano, den ich erwerbe, mit amerikanischem Kaffee gemein hat, ist die Temperatur, mit der er serviert wird: er ist kochend heiß. Schmecken tut er wie gechlortes Wasser.
Die Zangbang Zhonglu sieht so aus, wie man sich als Europäer das alte China vorstellt. Pagogendächer, massenweise Löwen und Drachen…. wieder ein vollkommen neues Shanghaier Gesicht für mich. Die Straße wird auch Shanghai Lao Jie (alte Shanghai-Straße) genannt und ist ein komnmerzielles Zentrum. Hier sehe ich zum ersten Mal Ansichtskarten, eine Seltenheit in der Stadt, es scheint, schreiben chinesische Touristen keine Ansichtskarten.
Ich lasse mich ziellos durch die Straßen des Viertels treiben. In den unzähligen Läden wird vor allem Kunsthandwerk verkauft,
Teeservices, Antiquitäten, kunstvoll geschnitze Schachspiele, Fächer in allen Variationen, Laternen, Edelsteine, Perlen, alle möglichen Figuren aus Jade, Stoffe… ich würde mir gerne einen Anzug schneidern lassen, aber das scheitert wohl daran, das ich die Schriftzeichen nicht lesen kann. Ich leiste mir eine Portion Teigtaschen, sie sind mit heißer Brühe gefüllt und schmecken einfach wunderbar.
Irgendwann betrete ich eine Mall, DragonMall genannt, finde sie aber gleich wieder uninteressant, gehe auf der anderen Seite wieder hinaus - und finde mich in einer total anderen Welt wieder: enge, schmutzige Gassen, überall Händler, die Lebensmittel verkaufen. Alle möglichen Arten
von Fischen schwimmen in flachen Bassins, in denen Frischwasserschläuche liegen, damit sie Sauerstoff haben, Seeschildkröten in verschiedenen Größen und Farben, lebende Frösche in Säcken, lebende Insekten imn mehreren Variationen, Fleisch, lebendes Geflügel, Eier in allen Größen und Farben…. spätestens jetzt ärgere ich mich sehr, dass ich zu bequem dazu war, meine Nikon mitzunehmen. Ich mache ein paar Aufnahmen mit meiner kleinen Kodak Kamera und beschließe, anderentags wieder hierher zu kommen, um Fotos in besserer Qualität zu machen. In einer Markthalle sehe ich einen Fleischverkäufer
, der an seiner Theke eingeschlafen ist, was eigentlich nicht ungewöhnlich ist, ich hab schon oft Verkäufer in ihren Läden schlafen sehen. Allerdings ist es in dieser Halle so laut, dass er wohl sehr übernächtigt gewesen sein muss…. ich mache spontan ein Foto, was die Aufmerksamkeit der umliegenden Fleischverkäuferinnen auf sich zieht. Ich muss Ihnen meine Kodak über die Theke reichen, sie betracheten das Foto von ihrem schlafenden Kollegen, lachen sich halb tot und reichen mir unter beifälligem Nicken meine Kamera wieder zurück.
Natürlich gibt es Streetfood
in allen Variationen, die schon erwähnten Teigtaschen, gebratene Fleischspießchen, Spießchen mit Tintenfisch, mit Wurst, mit gebratenen Fröschen, Spießchen mit Langusten…. ich kaufe mir für 1 Yuan ein Fleischspießchen, der Verkäufer röstet es über einer Flamme aus Holzkohlenfeuer und würzt es dann am Ende, es schmeckt wunderbar.
Ich laufe durch die Gassen und betrachte diese ganzen neuen, unbekannten Dinge, unbekannten Gerüche, und diese Menschen mit ihren immer fröhlichen Gesichtern… betrachte diese Leichtigkeit des Seins.
sechster tag, höhenrausch, fotomodell
Da sind noch fette Wolken am Himmel, als ich aufwache, aber am
Horizont setzt die Sonne sich schon durch… und, was am allerwichtigsten ist und in Shanghai nicht jeden Tag vorkommt: die Luft ist klar, ich seh den Fernsehturm auf der anderen Flussseite so klar, als stünde er direkt vor meinem Fenster.
Also runter in den 2nd floor zum frühstücken, und dann ab mit der Fähre über den Huangpu nach Pudong. Ich hab mir für heute den Aufstieg in die Kugeln des Oriental Pearl Towers vorgenommen.
In Pudong angekommen, hab ich noch 15 Minuten Fußweg zu bewältigen. Am Fernsehturm angekommen, bezahle ich 150 Yuan für den Eintritt auf alle drei Kugeln, in 90, 263 und 350 Metern Höhe. Insgesamt misst der Turm 468 m an Höhe und ist damit der höchste Fernsehturm Asiens und der dritthöchste der Welt.
Die Sicherheitskontrolle und das Anstehen am Aufzug nehmen überraschend wenig Zeit in Anspruch, im nullkommanix bin ich oben in der kleinen Kugel auf 350 Metern Höhe. Die Auzugführerin tut mir ein bisschen leid, sie hält während der Fahrt einen kleinen Vortrag, zunächst auf chinesisch, dann
auf englisch. Wie oft während ihrer Schicht sie diese immergleiche Geschichte wohl erzählen muss?
Die Aussicht von da oben über die Stadt ist atemberaubend, die Schiffe auf dem Huangpu-Fluss sehen aus wie Wasserflöhe…. Besonders schön zu sehen die Mündung des Wusong-Flusses in den Huangpu, die Gegend am nördlichen Bund wo sich ja auch mein Hotel befindet. Ganz toll der Blick auf die beiden nebeneinander stehenden Gebäude Jin Mao Tower und Shanghai World Financial Tower, direkt nebenan kann man die Baustelle sehen, aus der mal der Shanghai Tower bis auf eine Höhe von 632 Metern herauswachsen wird.
Beim Herunterfahren zu mittleren Kugel bin ich alleine mit der Fahrstuhlführerin im Aufzug, sie fängt mit ihrem Vortrag an, auf chinesisch - sieht mich an und muss ganz furchtbar lachen - und redet auf englisch weiter. In der zweiten Kugel gibt es auch eine geschlossene Aussichtsplattform auf 263 m Höhe. Man kann noch eine Treppe hinuntersteigen und kommt dann auf einen oben offenen sightseeing floor auf 259 Metern, der die eigentliche Sensation des Towers ist: er hat nämlich einen Boden aus Glas. Man tritt quasi ins Leere,
wenn man auf den Glasboden tritt….. ich habe noch nie Höhenangst oder Schwindel empfunden, an welchem Abgrund auch immer, aber diesmal merke ich, wie mein Puls nach oben schnellt, als ich den ersten Schritt ins Leere tue. Hier wird man auf sehr charmante Art und Weise an seine Grenzen geführt, nicht zuletzt der kräftige Wind, der über die nach oben offene Plattform bläst, macht die Illusion perfekt. Hat man den ersten Schritt gewagt, setzt schnell eine relative Gewöhnung ein, und man genießt es, über den Glasboden zu laufen und nach unten zu sehen. Länger eine Stunde hab ich mich da oben aufgehalten, eines meiner beeindruckendsten Erlebnisse bis jetzt.
Fünfmal muss ich wieder als Fotomodell herhalten, mit chinesischem Mädchen
oder Frauen im Arm, deren Männer dann Fotos mit mir aufnehmen.
Das Event da oben hat mich müde gemacht, außerdem hab ich viel mehr Zeit in dem Turm verbracht, als eingeplant war, deshalb verschiebe ich mein Vorhaben, noch auf den Jin Mao Tower hinauf zu fahren, auf einen späteren Tag. Direkt neben dem Pearl Tower liegt das Shanghai Aquarium, das in meinem Reiseführer als lohnende Attraktion beschrieben wird. Das Aquarium ist
wirklich grandios, es gibt sogar Robben, denen man bei ihren behenden Unterwasserjagden zusehen kann, Pinguine, Korallenriffe, riesige Rochen, noch größere Schildkröten, und, sehr beeindruckend, das Haifischbecken.
Alles in allem ein wunderbarer Tag. Die Sonne steht schon sehr schräg am Himmel. Ich halte spontan ein Taxi an und fahre nach Hause zum Hotel, mit vielen hoffentlich gelungenen Fotos in der Tasche.
samstag, der siebte Tag, französische pappeln, dancer in the park
Dicker Smog in der Luft, man kann den Horizont kaum ausmachen an diesem Samstagmorgen.
Im meinem lonely-planet-Reiseführer ist eine 7 Kilometer lange Sightseeing-Tour durch die Französische Konzession beschrieben, die ich mir für solch einen trüben Tag vogenommen habe. Hier zeigt sich Shanghai von seiner hippsten Seite.
Das Stadtteil war einst die Heimat der zahlreichen Abenteurer, Revolutionäre, Gangster, Prostituierten und Schriftsteller Shanghais, auch wenn paradoxerweise die meisten von ihnen keine Franzosen waren, sondern Briten, Amerikaner, Weißrussen oder Chinesen.(lonely planet)
Der Taxifahrer, der mich zur Hengshan Lu bringt, wo ich meinen Spaziergang starte, erwischt einen Fußgänger mit seinem linken Außenspiegel, was ihn allerdings nicht kümmert, er hat genug zu tun mit seinem Handy am Ohr und mit schalten und lenken mit der freien rechten Hand. An der nächsten roten Ampel biegt er den Spiegel wieder in seine Position zurück.
Das Straßenbild in der Französischen Konzession wird durch die Platanen, die rechts und links der Straßen stehen, bestimmt. Sie werden hier Französische Pappeln genannt.
Es macht Freude, über die schattigen Gewege zu laufen, überall gibt es schön gemachte Bars, Restaurants und Boutiquen, in dem Stil, wie man sie auch am Berliner Prenzlauer Berg findet oder früher in New Yorks Soho fand. Überhaupt erinnert mich das Viertel von seinem Flair, seiner Ausstrahlung her, stark an das Soho Anfang der neunziger Jahre.
Man kann sich hier für 40 Euro einen Anzug schneidern oder für 8 Euro eine Stunde lang massieren lassen.
Nach 2 Stunden erreiche ich den Fuxing Park
und schaue den Menschen bei ihrer samstäglichen Freizeitgestaltung zu. Es gibt einen Kindergeburtstag mit Millionen von Luftballons, Männer spielen Karten oder Brettspiele, Paare tanzen auf einer Kreuzung zu der Musik aus einem krächzenden Ghettoblaster….. herrlich. Liebespaare schmusen auf den zahlreichen Parkbänken, auf den Rasenflächen stehen Leute und machen in Zeitlupe ihre Tai Chi-Übungen.
Auf einem der Wege im Park finde ich 10 kleine Katzenbabies, die jemand hier ihrem Schicksal überlassen hat. Sie krabbeln hilflos herum und schreien, wahrscheinlich vor Hunger und Durst. Ein Mann in meinem Alter sieht dem Treiben eine Zeitlang zu, dann nimmt er sich zwei der Babies, säubert sie liebevoll an einem nahegelegenen Brunnen und wickelt sie in sein Hemd, um sie mit nach Hause zu nehmen. Hoffentlich hat sich auch für die verbleibenden Kätzchen ein Retter gefunden.
Ich genieße das Parkleben noch eine Zeitlang auf einer Bank sitzend und verlasse dann den Park über die Nangshang Lu und erreiche schließlich durch die Xingye Lu Xintianti. Xintianti ist eine Fußgängerzone mit Außenbestuhlung, ein Komplex aus Bars und Restaurants. Man kann dort mehr oder weniger stilvoll sein Abendessen im Freien genießen. Auch ein riesiges Paulaner Brauhaus gibt es hier. Es dämmert schon leicht, mein Spaziergang hat einen ganzen Nachmittag verschlungen, und es ist kaum ein freier Platz in einem der Restaurants zu bekommen.
Samstag in Shanghai.
Ich genieße noch ein wenig die Abenddämmerung an der schön geschwungen angelegten Wasserfläche des Taipingqiao Parks und fahre nach Hause. Unweit des Hotels gibt es ein pakistanisches Restaurant, das ich zum Abendessen aufsuche. Eine gute Wahl, es schmeckt hervorragend.
Eine Woche bin ich nun hier.
Es ist, als wär’n wir schon alte Freunde, Shanghai und ich.
achter tag, busy sunday, ein weltberühmtes teehaus
Der Sonntag bring jede Menge Smog. Ein Wetter zu Entspannen im klimatisierten Hotelzimmer.
Gegen Mittag halt ich es nicht mehr aus im Hotel,
es drängt, was zu unternehmen. Ich möchte die Metro von Shanghai ausprobieren. Der nächste Bahnhof vom Hotel aus ist Qufu Lu, eine Station auf der Linie 8. Meine Idee ist, von dort bis zur Fuxing Dhonglu zu fahren und dem berühmten Huxinting Teehaus einen Besuch abzustatten. Ich brauche eine dreiviertel Stunde, bis ich den Bahnhof finde, die Straßen sind so voller Menschen, dass an ein zügiges zu Fuß laufen nicht zu denken ist. Die Fußgängerbrücken brechen schier zusammen unter der Last der vielen Menschen, die sie zu bewältigen haben.
Es ist Sonntag, die Leute genießen ihren freien Tag um einkaufen und essen zu gehen. Dazu kommen noch die Wochenendtouristen aus der Umgebung, die Stadt ist voll. Am Ende finde ich den Bahnhof, und erstehe eine Fahrkarte für 30 Cent. In der Fuxing Road angekommen, laufe ich Richtung Altstadt. Auch dort quillen
die Straßen über vor Menschen. Ich lasse mich ein wenig mit den Massen treiben und verweile ein wenig am Teehaus in der Yuyuan Lu. Es liegt inmitten eines Teiches und ist nur über eine Brücke, die neun Biegungen hat, erreichbar, neun Biegungen deshalb, weil es so sicher vor den bösen Geistern ist, denn diese können nur geradeaus gehen.
Ich habe Lust auf ein paar gefüllte Teigtaschen, aber an dem “Imbiss” mit den leckeren Taschen stehen schon mindestens 50 Leute an. Ich suche mir ein Taxi und fahre nach Hause. Shanghai ist mir heute zu busy.
neunter tag, viel himmel, noch mehr superlative, ein bisschen schwarzwald
Als Betreiber eines der höchsten Häuser der
Welt braucht man eigentlich nichts weiter zu tun, als einen oder, wie schon öfter gesehen, mehrere schnelle Fahrstühle, einen Ticketschalter und eine Sicherheitskontrolle vorzuhalten. Das genügt, um die Massen abzufertigen, die auf jeden Fall und ganz von alleine kommen, um sich nach oben in den Himmel fahren zu lassen.
Wer will schon aus New York zurückkommen, ein simples Beispiel, ohne Fotos auf dem Dach des Empire State Buildings gemacht zu haben, wer aus Berlin nach Hause kommen, und sich nachsagen lassen, er sei nicht auf dem höchsten Fernsehturm Europas gewesen?
Auf dem Shanghai World Financial Center
gibt es einen SkyWalk in sagenhaften 474 Metern Höhe. Er ist damit der höchste der Welt. Das ist eine tolle Sache, und das Schöne ist, dass schon einen Riesenspaß macht, dahin zu kommen. Man passiert die Sicherheitskontrolle, und wartet in einem Raum mit spaciger Ambientmusik und Projektionen an der Decke und den Wänden. Von dort wird man erstmal auf level -1 gefahren, in einen raum begleitet und aüßerst charmant von einer jungen Dame über die Geschichte des Gebäudes, und über die Dinge, die nun folgen werden, aufgeklärt.
Die Fahrt im Aufzug auf level 97 in 439 Meter Höhe dauert eine Minute,
wieder von Ambient und Beleuchtung mit wechselnden Farben und Helligkeiten begleitet. Einfach toll. Dieses Level heißt Skywalk 97, zu Recht, es ist rundum verglast, auch nach oben, denn hier beginnt die rechteckige Aussparung nach oben, die das Gebäude so unverwechselbar macht. Man läuft quer über den Himmel und gelangt am Ende zu dem zweiten Aufzug, der die 35 Meter der Aussparung überbrückt und auf SkyWalk 100 in 474 Meter Höhe fährt.
SkyWalk 100 ist relativ schmal, das Gebäude läuft ja nach oben spitz zu. Das Feeling hier oben ist einfach unbeschreiblich, man braucht eine gewisse Zeit, bis man versteht, dass man nicht träumt.
Wieder unten angekommen, brauche ich erstmal Entspannung. Ich finde einen Costas
Kaffeeladen. Diese Läden kopieren ein wenig Starbucks Coffee, die Kaffeekarte und das Bestellsystem sind gleich, und natürlich kann man sich auch mit westlicher PopMusikuntermalung auf ne bequeme Couch fläzen, um seinen Kaffee zu genießen. Eine Blackforrest Roll und ein medium size Kaffee kosten 30 Yuan, und das ist der wesentliche Unterschied zu Starbucks. Dieser Preis geht in Ordnung, zumal der Kaffee wirklich hervorragend schmeckt.
Gestärkt überquere ich die Straße zum Jin Mao Tower mit seinem pagodenähnlichen Aufbau. Der Turm steht in der Century Avenue 88, er hat 88 Stockwerke. Die Abstufung des Gebäudes folgt der Acht. Der Kern ist oktagonal, es gibt acht Hauptsäulen plus acht kleine Säulen. Die absolut sachliche Fahrt nach oben kostet 88 Yuan, ganz klar, und dauert 45 Sekunden.
Der Blick von hier oben ist wieder ein anderer, das absolute Highlight ist der Blick von oben in das 152 Meter hohe Atrium des Shanghai GrandHyatt Hotels, das 35 Etagen des Turmes von der 53. bis zur 87.
belegt, es ist das höchste der Welt. Leider etwas schwierig zu fotografieren, ich muss meine Nikon auf ASA 1600 und höher einstellen, um dieses Event festhalten zu können.
Es ist Nachmittag geworden, so nah am Himmel verfliegt die Zeit nur so.
Ich laufe zur Metrostation an der Pudong Ave, und fahre zum Shanghai Stadium, um den Busbahnhof zu suchen, von dem aus die Ausflugsbusse in die Umgebung von Shanghai starten. Der Bahnhof ist schnell gefunden, eventuell werde ich in dieser Woche noch einen Ausflug von hier aus starten.
Relativ erschöpft nehme ich ein Taxi zum Hotel.
zehnter tag, walzer am morgen, pudong am abend
Die Sonne weckt mich, gut gelaunt sitze
ich um 6:30 morgens am Frühstückstisch. Im Reiseführer wird der Yuyuan Garden als einer der schönsten Chinas deklariert, und den will ich mir ansehen, wenn die Touristenmassen in noch nicht überschwemmen, früh am Morgen eben. Auch das Huxinting Tea House möchte ich mir nochmal ansehen ohne die vielen Menschen, die es am Sonntagmorgen bevölkert haben.
Um 7:15 laufe ich los, es ist nicht sehr weit bis zur Altstadt, einfach immer geradeaus den Bund runter. In der Altstadt angekommen, höre ich Walzerklänge, wirklich, original Wiener Walzer…. sie kommen von dem Portal eines noch geschlossenen Kaufhauses, dass man mit Hilfe eines Ghettoblasters zur Tanzfläche umfunktioniert hat. Vier Paare sind
mit Walzertanzen zugange, es ist viertel vor acht, Dienstagmorgen, und das ist das Normalste von der Welt.
Ich versuche, die Szene in meine Heimatstadt Saarbrücken zu übertragen… Walzertanz am frühen Morgen auf dem Portal des Kaufhofes, auf der Viktoriastraße tost der Berufsverkehr… wie das wohl ausginge?
Auch an dem tea house mit der neun-Biegungen-Brücke erklingt Musik, als ich dort ankomme. Ein Mann spielt auf einer Flöte,
ein anderer spielt ein Streichinstrument, das einer Geige ähnlich sieht, und eine Frau singt dazu. Auch das ist ganz normaler Alltag, wie es scheint, es hat sich noch nicht mal ein Kreis aus Zuschauern um die Gruppe herum gebildet, obwohl die Musik sehr gut klingt. Was müssen diese Chinesen doch für glückliche Menschen sein.
Das Teehaus ist erst schwach besucht, ich mache ein paar Fotos. Um halb 9 öffnet der Yuyuan Garden, ich bezahle 40 Yuan Eintritt und bin heute Morgen sein erster Besucher.
Der Garten mit seinen zahlreichen Pavillions, alten Bäumen und Teichen ist eine Sensation. Noch nie habe ich einen so wunderschönen, so kunstvoll angelegten Garten gesehen. Die Wege sind mit Kieselsteinen in immer neuen Mustern gepflastert, jeder Durchgang von einem Abschnitt in den anderen hat eine neue, fantasievolle Form, und überall sind Jadesteine positioniert. Ich genieße es, über die verwinkelten Wege zu laufen, bald weiß ich nicht mehr, in welcher Richtung der Eingang wohl war…. das spielt auch keine Rolle, ich genieße die Stille, die wunderbare
Ausstrahlung dieses Platzes.
Der Garten wurde 1559 von Pan Yunduan, einem hohen Beamten der Ming-Dynastie, erbaut. Er ist also in diesem Jahr 450 Jahre alt geworden. Im Jahre 1961 wurde er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, seit 1982 steht er auf der Liste der Denkmäler der Volksrepublik China.
Um halb zehn dann, es ist, als hätte jemand das Licht angeknipst, endet mein wunderschöner Garten-Film. Eine Reisegruppe nach der anderen überschwemmt den Garten, belagert die Wege, die Durchgänge, die Pavillions. Wie gut, dass ich so früh aufgebrochen bin heute Morgen. Danke, lieber Reiseführer.
Ich laufe noch ein wenig durch die Altstadt, genehmige mir noch ein paar gefüllte Teigtaschen, das muss einfach sein, und laufe dann in Richtung Bund zurück. Meine Speicherkarten sind alle voll mit Fotos vom Garten, die ich abspeichern muss, bevor ich neue Unternehmungen starten kann…
Auf der Promenade am Bund sprechen mich
zwei Mädchen an, ich muss sie vor der Kulisse Pudongs im Hintergrund fotografieren. Sie geben sich zuckersüß, wir plaudern ein wenig, und ich blamiere mich kräftig, weil ich die allermeisten Namen der chinesischen Städte, die sie mir aufzählen, nicht kenne. Sie wissen aber, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist und Frankfurt einen großen Flughafen hat und im Westen Deutschlands liegt….
Sie haben keinerlei Berührungsängste, sie krempeln die Ärmel meines T-Shirts nach oben, um meine Tattoos vollständig sehen zu können, und scheuen sich nicht, die allerintimsten Fragen zu stellen, wenn es ihnen in den Sinn kommt. Am Ende geben sie mir ihre E-Mailadressen, wegen der Fotos. Was müssen diese Chinesen doch für glückliche Menschen sein.
Als ich am späten Nachmittag aus
dem Fenster schaue, ist die Sicht glasklar, jeglicher Dunst ist verschwunden. Am Himmel machen CumulusWolken breit. Ideales Wetter zum Fotografieren.
Ich laufe zum Bund, um die Fähre
nach Pudong zu nehmen. Dort angekommen, sind die Schatten schon lang. Ein Paar Aufnahmen von der Skyline Pudongs muss ich noch machen, die Wolkenkratzer glänzen in der tiefstehenden Sonne wie nie zuvor. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen, laufe ich zum Lujiazui Park, von dem aus man einen schönen Blick auf die umstehenden Towers hat. Hier möchte ich während derkurzen blauen Stunde ein paar Fotos aufnehmen.
Es ist
noch ein anderer Fotograf mit einer Nikon und einem Stativ zur Stelle, als ich den Park erreiche. Er begrüßt mich freudig, und wir wandern zusammen um den kleinen See im Park, um unsere Aufnahmen zu machen, die wir miteinander vergleichen. Er spricht genauso viel deutsch oder englisch wie ich mandarin, nämlich kein Wort. Und trotzdem verstehen wir uns und haben eine lustige halbe Stunde zusammen…..
An dem See gibt es ein kleines Fast Food Restaurant. ich bekomme für 35 (3,70 €) Yuan eine kräftige Suppe mit Fleisch, gebratenes Hühnchen mit Zwiebeln und Kartoffeln, eine Schale mit Broccoli und einen Riesenpott mit Reis. Wer da nicht satt wird…..
Leider habe ich zweimal Pech mit meiner Taxiauswahl, der erste Fahrer kann wohl den Zettel mit der Adresse meines Hotels nicht lesen, und der zweite will ohne Taxameter für 50 Yuan fahren. Das ist Betrug, ich steige wieder aus und finde noch ein drittes Taxi, der Fahrpreis beträgt 23 Yuan. Dieser Fahrer hat sich ein Trinkgeld verdient.
elfter tag, es regnet
Die headline sagt schon alles aus über diesen Mittwoch: es regnet. Und zwar richtig, es schüttet den ganzen Tag wie aus Eimern …. Zeit, ein paar Dinge zu im Internet zu erledigen, zu bloggen, ein paar Fotos zu retuschieren. Natürlich kann ich Euch hier keine Fotos in High-End-Quali anbieten, dafür gibt mein betagtes Notebook gibt einfach nicht genug her an Leistung. Es geht ja in diesem Reisebericht in erster Linie ums Dokumentieren, und dafür reicht die erreichbare Qualität allemal aus. Meine ich.
Um 13 Uhr klingelt das Zimmermädchen und möchte die Bude herrichten. Ich verlasse das Haus und fahre mit dem Taxi in die Nanjing West Road, um ein paar Mitbringsel für meine Sandra einzukaufen. Das ist relativ schnell erledigt, um 15 Uhr bin ich wieder zurück.
Um 19 gehe ich nochmal zum Essen aus. Wie gut, das das hervorragende pakistanische Restaurant gerade mal 50 Meter um die Ecke entfernt liegt. Denn es regnet immer noch. In Strömen.
zwölfter tag, der krieg gegen den staub, neureich, hofbräuhaus
Heute morgen wirkt alles ein bisschen klarer. Der gestrige
Dauerregen hat den Staub von den Blättern der wenigen Bäume Shanghais gespült, sie sehen richtig grün aus, nicht mehr staubig-rotgrau. Überhaupt, der Kampf gegen den Staub in dieser Stadt, in der an jeder Ecke gebaut wird, in der solch ein Wahnsinnsverkehr herrscht - man kann ihn förmlich auf der Zunge schmecken, er lässt so manches Mal die Augen tränen….
Überall kann man die Menschen pinseln, wischen, kehren, mit dem Wasserschlauch hantieren sehen, um der allgegenwärtigen Staubschicht Herr zu werden. Gestern hatten sie einen mächtigen Verbündeten.
Hab mir für heute Pudong zur Besichtigung ausgewählt, die Gegend um den Century Park, soweit bin ich bis jetzt noch nicht gekommen. Ich laufe zur Metrostation East
Nanjing Road, kaufe eine Fahrkarte für 4 Yuan und fahre mit der Linie 2 bis zum Shanghai Science and Technology Museum.
Ich muss immer wieder staunen, wie anders Shanghai doch aussieht, wenn man auf die andere Seite des Flusses kommt. Breite Straßen mit breiten Gehwegen, allen voran die Century Avenue mit ihren 8 Spuren, schnurgerade, von Pavillons und Blumenkästen gesäumte Flaniermeilen für Fußgänger, und nicht zu vergessen die beiden fantasievoll angelegten Parks, der
kleine Lujiazui und der riesige Century Park. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert….. da kann man als Deutscher schon mal neidisch werden. Das Shanghai Science and Technology Museum, das mit der gleichnamigen Metrostation direkt verknüpft ist, beeindruckt allein schon durch seine schiere Größe. Wie lange man als Besucher wohl braucht, um diesen Riesenbau zu durchwandern und alle Ausstellungen zu besuchen?
Alle unsere Franchising-Ketten sind am Platz, H&M, Vero Moda, Lavazza,
Hägen Dasz, Paulaner, an jeder Ecke ein Starbucks, ganz klar, McDonalds…. um nur einige zu nennen. Überall findet man Kunstwerke, ganz toll die überdimensionale Sonnenuhr am Ende der Century Avenue mitten im Kreisverkehr, die der junge Künstler Zhong Song aus Bejing nach einer Idee von Carpentier hier verwirklicht hat. Der Name der imposanten Skulptur ist Licht des Ostens.
Je länger ich jedoch umherspaziere, umso synthetischer wirkt das alles auf mich. Manchmal
kommt man in Wohnungen von “neureichen” Leuten, Menschen, die in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, es durch Studium und Fleiß zu Wohlstand gebracht haben. Das muss nicht so sein, aber oft ist es so, dass ich den großzügigen Wohnungen solcher Leute oft dasselbe Feeling habe, wenn ich ihre teuren Einrichtungsgegenstände, ihre wertvollen Kunstwerke an den Wänden sehe: Teure und wertvolle Dinge sind versammelt, aber der Bezug der Dinge zueinander fehlt, es ist nicht mit der Zeit gewachsen, zueinander gekommen, es wirkt einfach nur teuer, nicht geschmackvoll. Der alte Adel fehlt, wenn ihr wisst, was ich meine. So also wirkt Pudong auf mich, aber das ist natürlich meine subjektive Meinung. Man muss sich einfach vor Augen halten, dass Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch Ackerland war, wo man heute von superschnellen Fahrstühlen fast 500 Meter hoch in den Himmel katapultiert wird….
Ich laufe noch zum Qinciyang-Tempel
in der Yuanshen Lu, aber leider ist er geschlossen, wie so viele Sehenswürdigkeiten in der Stadt wird auch er in Hinblick auf
die Expo 2010 auf Vordermann gebracht.
Nun gut, die Sonne ist schon untergegangen, ich fahre mit der Metro zurück zum Science and Technology Museum, in dessen Nähe in der Jinyan Lu das Hofbräuhaus Shanghai liegt. Das Münchner Hofbräuhaus habe ich nie besucht, dieses hier ist jedenfalls riesig und kann mit ebensolchen Braukesseln aufwarten. Ich esse eine Tirolerpfanne, köstlich, und trinke dazu bayrisches Bier, auch köstlich, das von sehr netten Chinesinnen in Dirndln und Kellnern in Lederhosen serviert wird. Nun ja.
Gut, dass sich vor der Tür gleich ein Taxi findet.
dreizehnter tag, früher anfang, viel los im huaihai park, nobles ende
Als ich an diesem Morgen erwachend aus dem Fenster sehe, ist der Himmel klar, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es ist
viertel vor sechs. Noch eine halbe Stunde, bis die Sonne am Horizont erscheint. Zeit genug, runter zum Bund zu laufen, um den Sonnenaufgang von der Uferpromenade am Huangpu River aus zu genießen. In Windeseile ziehe ich mich an, packe Fototasche und Stativ und mache mich auf den Weg. Es ist noch ruhig auf den Straßen, ich erreiche die Promenade so schnell wie nie zuvor. Auch hier ist es noch ruhig, außer mir sind noch zwei Amerikanerinnen mit Kameras zugange. Der Sonnenaufgang
ist herrlich, ich schieße eine Menge Fotos und genieße zwischendurch die wunderbare Stimmung des frühen Morgens an diesem breiten Fluss. Es hat sich gelohnt, so früh aufzustehen, das steht fest. Es ist schon weit nach 7, als mich der Frühstückshunger zurück ins Hotel treibt.
Nach diesem wohlverdienten Frühstück und einer erfrischenden Dusche laufe ich zur East Nanjing Road, um mit der Metro zum Shanghai Stadium zu fahren. Dort ist der Busbahnhof für die Ausflugsbusse, die in die umliegenden Städte und Dörfer fahren. Mein erklärtes Ziel für heute ist Zhujiajiao Zhen. Leider bin ich zu spät, die nette Dame am Ticketschalter erklärt mir, dass erst morgen früh wieder Busse dorthin fahren. Jetzt rächt sich die lange Herumtreiberei am Bund heute Morgen, aber das ist nicht weiter schlimm, Zhujiajiao läuft nicht weg, das steht fest, außerdem hat Shanghai wirklich genug zu bieten, ganz klar.
Ich entscheide mich dafür, nochmal nach Xintianti zu fahren, jene Fußgängerzone mit den alten Shikumen-Häusern, die so furchtbar überlaufen war, als am letzten Samstag dort war.
Diesmal ist es gemütlicher, es ist wirklich schön hier. Ich laufe durch das Viertel und mache ein paar Bilder. Eigentlich wollte ich gemütlich ein Süppchen essen und ein Glas Tsingtao Beer genießen, aber die Gesichter der Menschen, die die Terrassen hier bevölkern, wirken mir zu elitär, zu abgehoben. Scheinbar gehört man in Shanghai schon zum Adel, wenn man es sich leisten kann, seine Nudelsuppe in Xintianti zu schlürfen, keine Ahnung, ich möchte mit solchem Volk jedenfalls nichts zu tun haben, das hab ich hinter mir. Es ist nur ein kleines Stück zu gehen bis zu dem herrlichen Fuxing-Park, dort
kaufe ich mir etwas zu trinken, lasse mich im Schatten auf einer der zahlreichen Bänke nieder und genieße dieses tolle Stück Natur mittten in der Stadt. Um wieviel angenehmer als in Xintianti das Publikum hier doch ist.
Ich verlasse den Park in Richtung auf die Huaihai road, ich möchte diese breite Einkaufsstraße ein wenig näher erkunden. Dort angekommen, lasse ich mich treiben und erreiche irgendwann den Huaihai Park. Dort scheint eine Festveranstaltung im Gange zu sein, eine Bühne ist aufgebaut, und es gibt jede Menge Buden, die Essen und Getränke unter die Leute bringen. Gegrillte Hühnerfüße, leckere Fleischspießchen in allen Variationen, allerlei Meeresfrüchte, mit Brühe gefüllte Teigtaschen, Ananas und Kokosnüsse, es gibt alles, was das Herz begehrt. Über alldem liegt eine
fröhliche, sonnige Stimmung.
Immer weiter geradeaus laufend erreiche ich irgendwann den Bund und gehe über die Zhongshan Lu in Richtung Hotel. Ich bin viel gelaufen heute, es ist sehr warm geworden, das frühe Aufstehen am Morgen schlägt zu Buche, ich will vor dem Abendessen noch ein wenig chillen und hab ein bisschen Sehnsucht nach meinem klimatisierten Zimmer.
Zu Abend essen möchte ich heute in einem Restaurant namens Good Morning Shanghai. Es ist nur einen Block von meinem Hotel entfernt. Von außen sieht es ein wenig heruntergekommen aus, genau wie das ganze Gebäude des Astor House Hotels, zu dem es gehört. Als ich das Restaurant betrete, erlebe ich eine riesige Überraschung. Ich betrete einen Saal, mit einer Deckenhöhe von geschätzten 8 Metern Höhe, die geschmackvoll stuckverzierte Decke wird von
Säulen getragen, imposante kristallene Kronleuchter tauchen den Raum in ein wunderbares Licht, man sitzt auf stilvollen Polstermöbeln…. hui, in einem so prunk- und doch geschmackvoll vornehm eingerichteten Restaurant hab ich noch nie gegessen und frage mich natürlich sofort, ob ich mir das wohl werde leisten können?
Ich konnte. Am Ende bezahle ich für eine Suppe aus Meeresfrüchten, die mit drei verschiedenen Sorten Brot und hausgemachter Kräuterbutter serviert wird, und ein Lammcarée, das nicht nur geschmacklich, sondern auch architektonisch, so wie es auf dem Teller angerichtet ist, eine Meisterleistung darstellt, schlappe 20 Euro. Tsingtao Beer inbegriffen. Das ist mein mit Abstand teuerstes Abendessen in Shanghai bis jetzt, aber auch mit Abstand das stilvollste.
vierzehnter Tag, enttäuschte gesichter, regen, entenzungen
Trübe Aussichten heute Morgen, als ich aus dem Fenster schaue…. die andere
Seite des Flusses verschwimmt im Nebel. Also auch heute kein Ausflug nach Zhujiajiao Zhen. Lieber noch’n bisschen schlafen, und dann nach einem gemütlichen Frühstück mal sehen, was der Tag bringt.
Ich laufe die Zhongshan Lu hinunter Richtung Fährhafen, um nach Pudong überzusetzen, ich möchte noch ein paar Fotos von der Uferpromenade in Richtung Bund aufnehmen. Als ich am Bund ankomme, sehe ich in enttäuschte Gesichter: die Promenade am Bund ist für den Publikumsverkehr komplett gesperrt. Das ist wirklich ein starkes Stück. All die Wochenendtouristen, die aus ihren Bussen steigen und von der Straße die Treppe zu der weltberühmten Promenade hochlaufen wollen, scheitern an der 2 Meter hohen, unüberwindbaren Absperrung, die scheinbar über Nacht installiert worden ist….das ist bitter, auch für die Brautpaare, die sich nun nicht mehr vor der Skyline Pudongs fotografieren lassen können. Gestern Morgen habe ich hier noch meine Fotos vom Sonnenaufgang gemacht. Die Promenade wird wohl für die Expo 2010 neu gestaltet, bei der oberen Hälfte ist man ja schon länger mit dem Umbau zugange. Also, Leute, wartet gefälligst mit dem Heiraten bis zum nächsten Jahr!
Wer im Moment einen Trip nach Shanghai plant, sollte sich überlegen, ob er nicht einem anderen Ziel in Asien den Vorzug gibt und Shanghai erst im nächsten Jahr einplant, denn dieses Baustellenproblem gibt es ja im Moment überall in der Stadt, und es ist zu erwarten, dass im Mai nächsten Jahres zur Eröffnung der Expo der Umbau der Stadt erstmal abgeschlossen sein wird.
Als ich schließlich in de Fähre sitze,
beginnt es kräftig zu regnen. Ich laufe zu der Super Brand Mall, will mir das riesige Kaufhaus mal von innen ansehen, was soll man bei diesem Regen auch sonst mit dem Tag anfangen… Die Mall beeindruckt durch ihre Wahnsinnsgröße, ich laufe ein wenig herum, kann mich mit diesem Riesending allerdings nicht anfreunden und fahre am Ende zurück ins Hotel.
Am späten Nachmittag lässt der Regen nach.Ich beschließe, dem Hengsheng Peninsula International Hotel, in dem ich wohne, ein bisschen auf’s Dach zu steigen.
Das Hotel war mir in den vergangenen beiden Wochen eine gute Heimstatt, für den Preis von 600 Euro hab ich ein bequemes, sauberes Zimmer in der 12. Etage mit kostenlosem High-Speed Internetanschluss und Blick auf den Huangpu River, ein komfortables Badezimmer und jeden Morgen ein tolles Frühstücksbuffet bekommen. Noch dazu hat das Haus eine vorteilhafte Lage direkt am nördlichen Bund. Vielen Dank, Expedia.de. Ein kleiner Wehrmutstropfen: die schnippige Art der Damen an der Rezeption. Mit
denen hat man ja aber nur zweimal tu tun, beim Ein- und beim Auschecken. Und die schöne Hotelangestellte, die mir partout jeden Abend, wenn ich nach Hause kam, für den Preis von 26 Euro eine Massage verkaufen wollte, ließ mich auch in Ruhe, als ich ihr erzählte, wo in der Stadt es dieses Vergnügen für gerade mal die Hälfte Ihres Preises zu kaufen gibt. Ich nehm also den Aufzug und fahre, mit kompletter Fotografierausrüstung inklusive Stativ bewaffnet, hoch in den 27 Stock. Dort gibt es eine eben neu eingerichtete Bar und eine Dachterrasse. Die Aussicht
auf Huangpu von hier oben aus ist großartig. Ich mache unzählige Aufnahmen, bis es absolut dunkel ist.
Mein letztes Abendessen in Shanghai nehm ich wieder in dem Restaurant um die Ecke mit der exotischen Speisekarte. Man kann hier als Appetizer zum Beispiel Ducktongues bestellen, oder Jellyfish, oder fried frogs… davon hab ich lieber die Finger gelassen, die Entenzungen könnt ich mir eventuell noch als Delikatesse vorstellen, aber wer bitte isst denn Quallen und wer mag die Frösche?
Mein Chicken in rotem Pfeffer und das nach pakistanischer Art scharf gebratene Rindfleisch schmecken wie immer hier hervorragend, und die junge Kellnerin mit dem netten Lächeln kümmert sich wie immer sehr aufmerksam darum, dass mein Bierglas nie leer wird.
Was will man mehr.
fünfzehnter und letzter Tag, hochgeschwindigkeitsbegegnung, imposanter airport
2 Wochen sind wenig, um eine
Stadt wie Shanghai besonders gut kennenzulernen. Eine Stadt, die sich jeden Tag verändert, in der soviel gebaut wird wie nirgends sonst auf der Welt. Shanghai ist spannend, lebendig, exotisch, modern, alt….. Shanghai hat viele Gesichter, saubere, schmutzige, laute und leise, reiche und arme. Shanghai ist das Gegenteil von New York City, das sich auf seiner ruhmreichen Vergangenheit ausruht. Shanghai ist mehr als nur eine Reise wert, ich werde wiederkommen, ganz klar.
Meine besondere Sympathie gilt den Einwohnern mit ihrer liebenswerten Art. In Deutschland wirkt ein unbefangenes Lächeln, einer oder einem Fremden geschenkt, immer verdächtig. In Shanghai bekommt man für ein ehrliches Lächeln immer ein ebensolches zurück. Immer. Trotz gegenseitiger absoluter Unkenntnis der Sprache haben wir uns immer verstanden, die Shanghaier und ich, der Fremde.
Während der Fahrt im VW Santana zu Pudong Airport überholt uns der Maglev, dessen Trasse zum Teil parallel zu der Autobahn verläuft. Es gibt ein
kurzes aber heftiges Zischgeräusch, und 2 Sekunden später ist der Zug, der eine Spitzengesschwindigkeit von 430 km/h erreicht, schon nicht mehr zu sehen. Der Luftdruck, den der vorbeirauschende Zug verursacht hat, ist so stark, dass das Taxi aus der Spur gedrückt wird und der Fahrer gegenlenken muss.
Der Pudong Airport ist supermodern, keine Frage. Ich sitze im Gate und warte auf’s Boarding. Draußen starten und landen Flugzeuge, doch hier drinnen ist es absolut still, keine Motorengeräusche dringen herein.
Zeit, sich zu verabschieden.
Good Bye, Shanghai.
May 31, 2009



















1 person has left a comment
Hallo Wolfgang,
ich finde deinen Reisebericht super und freue mich nun noch mehr auf Shanghai, in 2 Monate werde ich dort sein. Wenn du noch mehr Tipps hast, her damit, zumal ich weder chinesisch noch englisch kann.
LG